Fallschirmspringer Frank König: „Es war unwirklich für mich“

Frank ist 1962 im sächsischen Sebnitz geboren und seit Mai 2011 Koch der halleschen Behindertenwerkstätten. Er hat als Fallschirmspringer insgesamt 921 Sprünge absolviert und war einer der Fallschirmspringer, die am 26. September 1997 ins Kurt-Wabbel-Stadion sprangen. (Foto: Fabian Lamster)

Für Frank König soll der Sprung ins Kurt-Wabbel-Stadion am 26. September 1997 der Höhepunkt seines Fallschirmsprung-Jahres werden. Über einhundert Sprünge hat der damals 35-Jährige in diesem Jahr bereits absolviert und ist Vizemeister im Zielspringen von Sachsen-Anhalt. Dann kommt alles anders.

Zusammen mit neun Kameraden vom 1. FSC Halle-Oppin ist der gelernte Koch Teil des Rahmenprogramms zum halleschen Stadtderby. Gegen 17 Uhr treffen sie sich auf dem Flugplatz in Merseburg und bereiten das Springen am Abend vor. Sie teilen sich in zwei Fünfergruppen auf und legen die Reihenfolge der Springer fest. Dann befestigen sie die zum Anlass angefertigten Werbefahnen und prüfen die Haupt- und Reserveschirme. Anschließend rollen sie ein Flugzeug des Typs AN-2 auf die Startbahn, das gegen 19 Uhr in Richtung Halle abhebt.

„Wo ist Matthias?“

Um 19:16 Uhr erreicht die Maschine in 1.100 Metern Höhe das Stadion. Als Erster springt Matthias Becker, ein Ausbilder vom 1. FSC Halle-Oppin mit langjähriger Erfahrung. Danach ist Frank an der Reihe und sieht seinen Kollegen in der Luft:

Frank beobachtet den Sprung seines Vereinskollegen Matthias

Als Frank rund 15 Sekunden nach dem Absprung am Mittelkreis des Kurt-Wabbel-Stadions landet, blickt er in das Gesicht des Sprungleiters, der das Springen vom Boden aus koordiniert und im Kontakt mit dem Piloten im Flugzeug steht. „Wo ist Matthias?“, fragt ihn Frank und erhält die Antwort durch den Funkspruch ins Flugzeug: Matthias ist heruntergekommen.
Dass sein Kollege bei seinem Absturz mit rund 180 Kilometern pro Stunde vor dem Stadion drei Menschen im Alter von 18, 21 und 28 Jahren tödlich verletzt, erfährt Frank erst später. „Wo ist Matthias?“, fragt er sich immer wieder und schaut in die Gesichter seiner Sprungkollegen, die sich ratlos umschauen. Die Geräuschkulisse im Stadion nimmt er nur als Rauschen wahr. Ob Zuschauer klatschen, singen, aufgrund des Vorfalls schreien oder Stille herrscht, kann er nicht unterscheiden.

Frank (re.) verständigt sich mit einem Fallschirmsprung-Kollegen und dem Sprungleiter nach der Landung, um zu verstehen, was passiert ist. (Foto: Uwe Köhn/BILD)

Eine unwirkliche Situation

Kurz darauf stürmt die Freundin eines Springers auf Frank zu und fragt ihn unter Tränen, welche Springer vor ihm gesprungen seien. Frank versichert ihr, dass sich ihr Freund noch in der Luft befindet, der wie alle folgenden Springer sicher landet.
Minuten später teilen Mitarbeiter des Rettungsdienstes dem Sprungleiter vom 1. FSC Halle-Oppin mit, dass Matthias tot ist. Dieser gibt die Meldung an Frank und seine Vereinskollegen weiter. Sie sind mit einer Situation konfrontiert, die sie bis zu diesem Zeitpunkt noch nie erlebt haben.

Wie Frank den Moment nach dem Landen wahrgenommen hat

Danach bleiben die Fallschirmspringer mit dem Sprungleiter auf dem Rasen, bis sie die Polizei zur abgesperrten Unfallstelle führt und nacheinander befragt. Auf dem Weg dorthin begegnen Frank mit Blut beschmierte Menschen. Ein Vereinskollege reicht ihm nach der Befragung in einem Polizeiauto sein Handy, mit dem er seine Frau anruft und ihr erzählt, was passiert ist. Dann entlässt die Polizei ihn und seine Kollegen vom 1. FSC Halle-Oppin. Sie wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Eine psychologische Betreuung ist nicht vorgesehen.

Frank hat seinen Sprung ins Kurt-Wabbel-Stadion in seinem Sprungbuch mit einem Bleistift hervorgehoben. An diesem Tag verunglückte sein Vereinskollege Matthias Becker. (Foto: Frank König)

Der Weg zurück in den Alltag

Am nächsten Morgen kommen alle Springer des 1. FSC Halle-Oppin auf dem Vereinsgelände zusammen, um das Unglück einzuordnen. Auch Frank ist nach einer Nacht ohne Schlaf vor Ort. Sie versuchen gemeinsam nachzuvollziehen, wie es zum Absturz ihres Kollegen und Freundes kommen konnte.

Worüber sich die Fallschirmspringer nach dem Unglück einig sind

Anschließend fährt Frank mit seiner Familie über das Wochenende nach Dresden. Am Montag nach dem Unglück ist er wieder als Koch im Einsatz. Er hat den Arbeitstag noch durch die Gespräche und Umarmungen in guter Erinnerung. Seine Mitarbeiter und Stammgäste kannten Franks Sport und seien heilfroh und glücklich gewesen, dass ihm dieses Unglück nicht passiert sei, erzählt er.

In den Wochen vor dem Fallschirmunglück am Kurt-Wabbel-Stadion in Halle macht Frank diverse Fallschirmsprünge und ist teilweise vier Mal am Tag in der Luft. (Foto: Frank König)

Nach dem Unglück lässt Frank den Fallschirm ein halbes Jahr ruhen, bevor er wieder aus einem Flugzeug springt. „Je länger du wartest, desto schwieriger wird das Einsteigen in die Maschine“, sagt er.
Er übernimmt die Fallschirmspringerausbildung in seinem Verein und damit die Stelle seines verunglückten Vereinskollegen Matthias. Zu dessen Beerdigung auf dem Südfriedhof in Halle, keine zwei Kilometer von der Unfallstelle entfernt, sind dessen Familie, Freunde und das gesamte Team vom 1. FSC Halle-Oppin anwesend.

Das Stadionunglück in Halle hat Franks Leben verändert. Trotz seiner Begeisterung für das Fallschirmspringen gibt er den Sport Jahre nach dem Unglück auf und springt nur noch unregelmäßig. (Foto: Frank König)

Die Mehrheit der damals beteiligten Fallschirmspringer tritt nach dem Unglück aus persönlichen Gründen aus dem Verein aus. Manche geben den Fallschirmsport ganz auf. Als sich Frank im Jahr 2000 mit seiner Familie in Landsberg bei Halle ein Haus baut, entscheidet er sich dagegen, seine Fallschirmsprunglaufbahn fortzusetzen. Auch er verlässt den 1. FSC Halle-Oppin.

Seitdem springt er nur noch höchstens ein oder zwei Mal pro Jahr. Franks Sprungbuch, in dem er sämtliche Sprünge notiert hat, hat seinen letzten Eintrag im September 2009. Zu diesem Zeitpunkt hat er 921 Sprünge absolviert und nie einen Reserveschirm benötigt. „Ich weiß gar nicht, wie sich das anfühlt“, sagt er.

Erinnert sich Frank an die Tage nach dem Unglück, kehren auch die Beiträge von Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern in sein Gedächtnis zurück:

Wie Frank Medienbeiträge zum Unglück wahrgenommen hat

Offene Fragen bleiben

Oft überlegt Frank, wie er selbst in der Situation von Matthias gehandelt hätte. Hätte er richtig reagiert, die Werbefahne auch zu entfernen versucht oder gleich den Reserveschirm gezogen? „Du kannst nicht mehr machen als vorsichtig und sorgfältig sein und hoffen, dass du nicht selbst in eine solche unübersichtliche Situation kommst“, sagt Frank.

Welche Frage für Frank unbeantwortet bleibt

In den Jahren nach dem Unglück etabliert sich beim Fallschirmspringen in Deutschland die sogenannte Cypres-Öffnungsautomatik, bei der sich in einer gewissen Höhe bei einer entsprechenden Fallgeschwindigkeit des Springers automatisch der Reserveschirm aktiviert. „Damit wäre das Unglück mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht passiert“, sagt er.
Seine Vereinskollegen von damals hat Frank aus den Augen verloren. Manche hat er zu den Jahrestagen des Unglücks an der Gedenktafel am Stadion wiedergesehen. Auch abseits des 26. September beschäftigt ihn der Vorfall:

Frank erinnert sich nicht nur zu den Jahrestagen an das Unglück